Zivis im Jugendheim: eine mehr als positive Bilanz

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Der Leiter des Erziehungsheims für Kinder von Mentlen, Vito Lo Russo

Das Kinder- und Jugendheim von Mentlen wurde 1911 nach der letztwilligen Verfügung von Valeria von Mentlen-Bonzanigo gegründet, die ihren gesamten Nachlass vermachte, um damit eine Institution zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen zu errichten.

Als Teil der Stiftung Erminio von Mentlen ist die Institution heute als Kinder- und Jugendheim anerkannt und wird vom Kanton Tessin und vom Bund finanziert. Das von Mentlen beschäftigt Betreuungspersonal, Aushilfen, Praktikantinnen und Praktikanten sowie Zivis und ist mit seinen 50 Wohn- und 10 externen Plätzen das grösste Heim für minderjährige Kinder und Jugendliche im Tessin. Die betreuten Kinder und Jugendlichen sind zwischen 3 und 18 Jahre alt und werden im Falle einer behördlichen Meldung wegen familiärer Schwierigkeiten dort platziert.

Zivis im Dienste der Kleinen

Das Kinder- und Jugendheim von Mentlen beschäftigt seit 2013 jedes Jahr sechs Zivis, die das Personal bei den Aktivitäten der betreuten Kinder und Jugendlichen unterstützen: «Im Einklang mit der Philosophie der Institution wollen wir Kindern und Jugendlichen helfen», erklärt Vito Lo Russo, der das Heim seit drei Jahren leitet. «Die Zivis spielen eine sehr wichtige Rolle und leisten mit ihrer spontanen Art einen nützlichen Beitrag bei der Interaktion mit den Kindern und Jugendlichen.»

Die Institution bietet pro Jahr fünf Einsatzplätze in der Betreuung und einen Einsatzplatz im Bereich Unterhalt. Die vier zurzeit im von Mentlen tätigen Zivis sind gemäss Lo Russo eine wertvolle Unterstützung: «Häufig sind sich die Zivis nicht bewusst, wie wichtig sie für uns sind! So haben wir beispielsweise zusammen mit einem Zivi, der Musiker ist, ein Cajón (Perkussionsinstrument aus Peru, Anm. d. Verf.) für die Jugendlichen gebaut. Die Zivis helfen aber auch bei den Schulaufgaben: Da sie vor nicht allzu langer Zeit selbst noch die Schulbank gedrückt haben, sind sie hier eine sehr grosse Hilfe und können mit den Kindern und Jugendlichen ihr Wissen teilen!»

Komplizierte Umstände

Musikinstrumente, Aufgabenhilfe… so gesehen scheint der Zivildienst im von Mentlen fast ein «Spaziergang» zu sein. Doch in Wirklichkeit sind die Umstände dieser minderjährigen Kinder und Jugendlichen sehr kompliziert und schwierig: «Die Zivis begegnen hier sehr vielen Herausforderungen. Wir arbeiten mit Minderjährigen, die mit Schwierigkeiten konfrontiert sind und die wie alle Personen in einer solchen Situation manchmal unkontrolliert reagieren: Es kann zu körperlicher und verbaler Gewalt kommen. Ein weiteres Problem ist der geringe Altersunterschied: Für die Zivis ist es manchmal schwer, die Distanz zu den Jugendlichen zu wahren. Teilweise entsteht fast eine freundschaftliche Beziehung, gleichzeitig müssen die Zivis aber mit den Betreuungspersonen an einem Strick ziehen», präzisiert der Institutionsleiter.

Es kommt auch vor, dass Zivis, die ihren Zivildienst in der Institution leisten möchten, nach einem ersten Kennenlerngespräch auf den Einsatz verzichten: «Wenn ich ihnen sage, mit welchen Schwierigkeiten unsere Jugendlichen zu kämpfen haben und dass sie als Zivi teilweise bis 22.00 Uhr und auch an den Wochenenden arbeiten müssen, wollen viele ihren Einsatz nicht mehr bei uns absolvieren.»

Die Arbeit mit Minderjährigen, die mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, erfordert in diesem geschützten Umfeld Motivation und Ausgeglichenheit und es braucht junge Zivis mit vielen Interessen. Insofern ist Lo Russo sehr zufrieden mit den jungen Männern, die in der Institution ihren Zivildienst leisten. Zivis und Betreuungspersonen nehmen jedoch sehr unterschiedliche Rollen wahr: «Die Zivis arbeiten nie alleine: Ein Betreuer oder eine Betreuerin ist immer bei ihnen, ausser wenn sie die Kinder und Jugendlichen auf dem Schulweg begleiten.»

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Die drei Zivis Giaele, Vincenzo und Arturo (v. l. n. r.) vor den Zimmern der Jugendlichen

Junge setzen sich für Jugendliche ein

Die unregelmässigen Arbeitszeiten und die mögliche körperliche oder verbale Gewalt in den Kinder- und Jugendheimen werden weitgehend dadurch wettgemacht, dass diese Tätigkeit viel Raum für Kreativität lässt und bereichernde zwischenmenschliche Erfahrungen gestattet.

Das wird auch deutlich im Gespräch mit Giaele, Vincenzo und Arturo, drei Zivis, die zurzeit im Kinder- und Jugendheim von Mentlen einen Zivildiensteinsatz leisten.

Arturo, angehender Student an der ETH Zürich, erklärt, warum er mit Jugendlichen arbeiten wollte: «Ich kann ihnen im Kleinen ein paar fröhliche Momente ermöglichen, in denen sie ihre schwierige familiäre Situation für eine Weile vergessen.»

«Für mich ist es wie eine Mission: Ich will diesen Kindern ein Lächeln entlocken. Das entschädigt für alles. Von uns erhalten sie Zuwendung, was bei ihnen Zuhause oft nicht der Fall ist. Und diese Zuwendung kommt auch zurück», fügt Giaele an, dessen Einsatz in Kürze zu Ende geht. «Ich werde meinen Zivildienst bald beenden. Ich finde es sehr schade, von hier weggehen zu müssen.»

«Es ist schwierig, eine Beziehung aufzubauen (vor allem zu den Teenagern), aber auch sehr befriedigend. Ausserdem bietet diese Tätigkeit neben dem Spielen und Basteln viel Raum für Kreativität», erzählt der 29-jährige Zivi Vincenzo, der ebenfalls bald das Ende seiner Dienstpflicht erreicht.

Neben den Freizeitaktivitäten haben die Zivis aber auch verantwortungsvolle Aufgaben, wie beispielsweise die Begleitung zu Arztbesuchen oder auf dem Schulweg.

Zivis und ausgebildete Betreuungspersonen: eine ideale Kombination      

Die «Unbeschwertheit» der Zivis und die Professionalität der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen ergänzen sich perfekt und bringen einen Mehrwert, der für das von Mentlen sehr wichtig ist. Jeder Zivi wird von zwei ausgebildeten Betreuungspersonen begleitet, die für ihn zuständig sind und mit denen er bei der täglichen Betreuung der Kinder und Jugendlichen zusammenarbeitet: Die Aufgabenaufteilung ist transparent. Ich werde aus den diskutierten Entscheidungen nicht ausgeschlossen. Wir kommunizieren viel: Wenn ein Jugendlicher etwas Schlimmes macht, wird das vor uns Zivis nicht versteckt», erklärt Giaele. «Wir nehmen aktiv am Leben der Jugendlichen teil, nicht aber an den Entscheidungen», schickt Vincenzo hinterher.

Die Zusammenarbeit und die gegenseitige Unterstützung spielen eine wichtige Rolle angesichts der Herausforderungen, mit denen die Zivis konfrontiert sind: «Wenn es jemand an Respekt fehlen lässt, sprechen wir mit den Betreuungspersonen darüber und versuchen eine gemeinsame und konsequente Linie zu fahren. Die Jugendlichen kapieren sofort, wenn das Personal nicht Hand in Hand arbeitet, und nützen das zu ihrem Vorteil aus», erzählt Vincenzo. «Verbale Gewalt gehört hier zur Tagesordnung», merkt Arturo mit Bedauern an. «Man nimmt diese schwierigen Geschichten mit nach Hause. Vor dem Einschlafen denke ich oft an diese zerrütteten Familienverhältnisse», vertraut uns Giaele an.

Der geringe Altersunterschied scheint bei der Betreuung der Jugendlichen aber nicht zu stören: «Mit den älteren Jugendlichen haben wir weniger Kontakt, ausser beim Essen, denn sie sind schon selbstständig. Somit sehe ich den geringen Altersunterschied nicht als Problem an», fügt Giaele an.

Der Zivildienst als Wegweiser für die Zukunft

Arturo wird zwar eine Laufbahn als Ingenieur einschlagen, Vincenzo und Giaele hingegen sehen ihre berufliche Zukunft im sozialpädagogischen Bereich: «Ich wollte schon immer im Bereich Erziehung und Ausbildung tätig sein. Bei diesem Einsatz konnte ich testen, ob die Arbeit im sozialen Bereich für mich das Richtige ist. Und es gefällt mir sehr gut. Nächstes Jahr werde ich entweder eine Ausbildung als Erzieher oder als Primarschullehrer anfangen», erzählt Giaele ganz enthusiastisch.
«Aus Interesse habe ich mich für einen Zivildiensteinsatz im Sozialwesen entschieden und da es mir gefallen hat, bin ich in diesem Bereich geblieben. Der Zivildienst hat dazu beigetragen, mein Interesse zu wecken», bestätigt Vincenzo.

Kinder- und Jugendheime: eine «Schule fürs Leben», auch für die Zivis

Die persönlichen Umstände dieser Minderjährigen sind sehr kompliziert und schwierig, was an sich schon grosse Herausforderungen an die jungen Männer stellt, die hier ihren Zivildienst leisten. Die Erzählungen von Arturo, Giaele und Vincenzo zeigen aber, dass sich solche Probleme mit viel Empathie, Flexibilität und Reife überwinden lassen. Die Zivis können bei ihrem Einsatz im Kinder- und Jugendheim persönlich wachsen und wichtige Erfahrungen für die Zukunft sammeln.

Letzte Änderung 19.12.2019

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Serie: Einsätze in der Betreuung von Menschen

Drei Artikel stellen unterschiedliche Zivi-Einsätze in der Betreuung von Menschen vor: 1. Einsätze mit jungen Menschen, 2. Einsätze mit Menschen mit Beeinträchtigungen und 3. Einsätze mit betagten Menschen. Warum? Rund 80 Prozent aller Zivi-Einsätze finden im Gesundheits-, Sozial- oder Schulwesen statt. Die Pflege und Betreuung von Menschen steht dabei im Vordergrund. Aufgrund gesellschaftlicher Trends ist zu erwarten, dass der Bedarf nach solchen Einsätzen eher zu- als abnimmt. Grund genug, die aktuellen Einsätze und Herausforderungen näher zu beleuchten. Alle drei Artikel berichten über Einsätze im Kanton Tessin. Damit wird unterstrichen, dass der Zivildienst in der ganzen Schweiz und damit auch in allen Sprachregionen der Schweiz geleistet wird.

1. Teil: Zivis im Jugendheim: eine mehr als positive Bilanz

2. Teil: Junge Zivis im Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigung

3. Teil: Junge und ältere Menschen − ein gutes Gespann

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