Der Zivildienst im Jahre 2002

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Seit 2002 ist der Zivildienst spürbar auf allen Ebenen gewachsen. Das hat auch Verein Grünwerk gemerkt. Die grösste Nutzniesserin dieser Entwicklung ist die Biodiversität in der Region Zürich, schreiben Patrick Fischer und Martin Gattiker.

Geschichte «Verein Grünwerk»

Im Jahr 1989 schlossen sich fünf Einzelfirmen zur Grünwerk Genossenschaft zusammen mit dem Ziel, komplexe Aufgaben im Garten- und Naturschutzbereich nach ökologischen Grundsätzen zu lösen. In den damaligen Statuten forderte Artikel 2: «… auf Hilfsmittel zur elektronischen Text- und Daten-Verarbeitung wird verzichtet….». Aus heutiger Sicht ist dieser Gedanke kaum nachvollziehbar, dennoch zeigt er die idealistische Haltung der Gründer. Natürlich musste der Artikel schon nach kurzer Zeit ersatzlos gestrichen werden. Die stetige Zunahme der Tätigkeiten im Landschafts- und Naturschutz veranlasste die Genossenschaft schliesslich zwei Ressorts einzurichten: Gartenbau und Ökologie.

Das Ressort «Ökologie» übernahm sowohl planerische als auch praktische Aufgaben im Natur- und Landschaftsschutz. In Zusammenarbeit mit der Fachstelle Naturschutz Kanton Zürich wurden ab 1995 Stellensuchende in der Pflege von Naturschutzgebieten eingesetzt. Die finanzielle Situation des Kantons erlaubte keine Ausführung der Arbeiten mehr durch private Unternehmen.

Vier Jahre später führte der wirtschaftliche Aufschwung dann aber bereits wieder zur Auflösung der Gruppenprogramme für Stellensuchende. Es musste dringend eine alternative Möglichkeit für die Pflege und Aufwertung von Naturschutzgebieten im Kanton Zürich gefunden werden. Die Einführung des Zivildienstes in der Schweiz im Jahre 1996 kam für uns deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt. Diese neue Option war im Jahr 2000 der Auslöser für die Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Es wurden Vorstandsmitglieder gesucht, Statuten und Reglemente erstellt und ein geeigneter Name gesucht. Am Donnerstag, dem 9. März 2000, wurde «Verein Grünwerk» schliesslich offiziell gegründet. Vier Jahre später erhielt die junge Organisation das Gütesiegel der ZEWO, das für Transparenz und Lauterkeit steht.

Start «Zivildienst»

Am 9. September 2000 startete Verein Grünwerk mit einem ausgedienten Militär-VW-Bus, zwei Zivis sowie Kreuzpickel und Schaufel mit dem ersten Einsatz im Saland -Wanneried im Tösstal. Dort musste ein vernässtes Hangried saniert werden, damit der örtliche Landwirt dieses wieder regelmässig pflegen konnte. Die beiden ersten Zivis stammten aus Nürensdorf und Basel. Für den Zivi aus Basel musste eine Wohnung in Winterthur her. Damit profitierte er natürlich von unserem noch jungfräulichen Verhalten und der Freude über den ersten Zivi. Heute, mit über 100 Zivis pro Jahr, sind solche Dienstleistungen für uns nicht mehr denkbar, da wir keine eigenen Unterkünfte anbieten.

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Gruppeneinsatz beim Heuen im Tösstal (zvg)
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Fahrzeug in Graben an Waldstrasse (zvg)
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Rolf Heckendorn während Zivi-Ausflug (zvg)

Partner, Einsatzgebiete und Einsatzbereich

Die Fachstelle Naturschutz, Amt für Landschaft und Natur Kanton Zürich, gehört zu den Hauptauftraggebern (49 %), gefolgt von Grün Stadt Zürich (24 %). Die restlichen Aufträge erteilen das AWEL (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft) Kanton Zürich, der Kanton Schaffhausen, die SBB sowie diverse Gemeinden im Kanton Zürich und St. Gallen.

In den ersten Jahren von «Verein Grünwerk» beschränkten sich die Einsätze hauptsächlich auf Gebiete im Tösstal und im Zürcher Oberland. Durch die steigende Nachfrage nach Zivildienststellen und der stetigen Aufstockung der Diensttage unsererseits dehnte sich der Einsatzradius zunehmend ins Zürcher Weinland, ins Zürcher Unterland und in das Stadtgebiet Zürich aus. In den letzten fünf Jahren erweiterten schliesslich auch Aufträge der kantonalen Fachstelle Schaffhausen sowie diverser Gemeinden aus St. Gallen (Region Oberuzwil – Flawil) das Einsatzgebiet.

Der regelmässige Unterhalt von kantonalen Schutzgebieten inklusive diverser Aufwertungsmassnahmen macht rund 50 % aller Einsätze aus. Die Bekämpfung von invasiven Neophyten, mit einem Anteil von aktuell 40 %, nimmt stetig zu. Hinzu kommen Aufgaben in der Pflege von lichten Waldstandorten und spezifische Massnahmen zum Artenschutz.

Zu den beliebtesten Aufgaben der Zivis gehört sicherlich das Erstellen von neuen Lebensräumen wie beispielsweise der Teichbau, das Errichten einer Trockensteinmauer oder der Bau von Steinlinsen. Natürlich wird das eintönige und manchmal tagelange Auspickeln von Neophyten weniger geschätzt. Das Holzen in den Wintermonaten bei Waldrand- und Heckenaufwertungen und die Mäharbeiten im Sommer gehören wiederum zu den bevorzugten Tätigkeiten. Interessant wird es insbesondere für diejenigen Zivildienstleistenden, die bereits mehrere Einsätze bei Verein Grünwerk absolvierten und dadurch die Entwicklung der einzelnen Gebiete mitverfolgen können.

Grössere Anstrengungen gegen gebietsfremde Pflanzen

Der Aufwand in der Bekämpfung von invasiven Neophyten hat in den letzten Jahren markant zugenommen. Inzwischen wurden bereits wieder neue «Eindringlinge» wie beispielsweise das Einjährige Berufkraut oder das Schmalblättrige Greiskraut entdeckt, die sich rasant ausbreiten. Das gesteigerte Bewusstsein für diese Problematik hat die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ämtern und Akteuren intensiviert. Das Amt für Landschaft und Natur (Fachstelle Naturschutz) ist wohl Hauptauftraggeber von «Verein Grünwerk», aber schon längst nicht mehr der einzige. Aufträge stammen auch vom Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft, und vom Tiefbauamt.

Die Frage, wie sinnvoll und effektiv die Arbeit im Naturschutzbereich ist, wird in der Wirkungsmessung aufgegriffen. Die heutige Technologie erlaubt eine direkte Aufnahme des Ist-Zustands vor Ort. Werden diese Daten mit früheren Aufnahmen verglichen, lassen sich direkte Veränderungen ableiten und aufzeigen. Die gewonnenen Resultate können dadurch präziser interpretiert und zukünftige Massnahmen gezielter festgelegt werden.

Der administrative Aufwand im Zusammenhang mit der Koordination und der Kommunikation mit den Zivis konnte in den letzten Jahren dank der elektronischen Datenerfassung minimiert werden. Insbesondere die Anmeldung, Registrierung und Verwaltung der Personaldaten kann heute effizienter abgewickelt werden.

Unersetzliche Unterstützung

Der Zivildienst ist im Bereich Natur- und Landschaftspflege kaum mehr wegzudenken. Alternativen zum Zivildienst sind zurzeit keine in Sicht. Einsätze mit Stellensuchenden oder Asylbewerbern stellen zwar eine wertvolle Ergänzung dar, könnten aber das Arbeitsvolumen und die spezifischen Zivildiensteinsätze niemals abdecken. Demzufolge sind die Pflege und Aufwertung von Schutzgebieten und die Bekämpfung von invasiven Neophyten zurzeit stark vom Zivildienst abhängig. Was aber, wenn nun der Zivildienst im Naturschutz künftig nicht mehr mitwirken würde? Zum gegebenen Zeitpunkt ist es glücklicherweise nicht nötig über diese Frage zu debattieren. Trotzdem bleibt uns dieses Risiko bewusst: So mussten wir genau diese Frage schon einmal vor der Jahrhundertwende beantworten. Nur ging es damals um die Gruppenprogramme für die Stellensuchenden.

Mittels einer fortschrittlichen Mechanisierung kann ein Teil der reinen Pflegearbeiten in den Naturschutzgebieten auch über den Landwirtschaftssektor abgedeckt werden. Im Hinblick auf die Entwicklung in der Landwirtschaft, die sich immer häufiger existenzielle Fragen stellen muss, ist dies wohl auch sinnvoll. Doch gerade die sensiblen Gebiete, die behutsam und per Handarbeit gepflegt werden müssen, liessen die Kosten ins Unermessliche steigen. Ganz abgesehen davon, dass die umfangreiche und zeitlich gedrängte Neophytenbekämpfung nur durch viele helfende Hände umgesetzt werden kann.

Es liegt also auf der Hand welch grosse Bedeutung der Zivildienst für die Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt in der Schweiz hat. Der Zivildienst bleibt in vielen Arbeitsbereichen sicher in naher und vermutlich auch in weiterer Zukunft unentbehrlich.

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Neophyteneinsätze an Flüssen verlangen auch Einsätze mit Kanus (zvg)
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Gekippter Puch (zvg)
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Freitagnachmittag-Putzete in etwas engen Verhältnissen (zvg)

Erfolge, Pech und Pannen

Bei Arbeiten im Feld und mit Maschinen können auch Unfälle passieren. Aber um es gleich vorwegzunehmen, trotz über 60 000 geleisteten Zivilidiensttagen in unserem Betrieb mussten wir nur einen einzigen gravierenden Personenunfall vermelden. Die betreffende Person absolvierte nach dem Unfall aber dennoch einen weiteren Einsatz bei uns. Alle anderen Missgeschicke verliefen glücklicherweise harmlos und schlugen nur mit Material- oder Blechschaden und bei uns letztlich finanziell zu Buche.

Schon mehrmals sorgten Unfälle oder Missgeschicke mit Fahrzeugen oder Maschinen für Aufregung im Betrieb. So landete ein Zivi, nachdem er ein Manöver auf einer Feldstrasse etwas zu abrupt auffangen wollte, mit dem «Puch» auf der Seite.

Schmunzelnd mussten wir den folgenden Schadenfall zur Kenntnis nehmen: Beim Versuch, eine Naturschutztafel neu einzuschlagen, war eine Autoscheibe in die Brüche gegangen. Was war passiert? Da sie keine Leiter mit dabei hatten, stellten die Zivis kurzerhand den «Puch» neben den einzuschlagenden Pfahl. Ein Zivi der Gruppe stieg mit dem Holzschlegel aufs Dach des Fahrzeugs und versuchte von dort aus den Pfahl einzuschlagen. Der erste Schlag ging so unglücklich daneben, dass die seitliche Scheibe beim Hintersitz mit vollem Schwung eingeschlagen wurde und zersplitterte.

Oft sind wir im unwegsamen Gelände unterwegs und da kann es schon mal vorkommen, dass man vom Weg abkommt. Einen solchen Vorfall zeigt das Bild 6, auf dem unser Fahrzeug im Graben neben einem Waldweg zu sehen ist. Die anwesenden Zivis haben korrekterweise einen Fahrzeugbergungsdienst mit Kranwagen bestellt, um das Fahrzeug fachgerecht herausheben zu lassen und dadurch weiteren Schaden am Fahrzeug zu vermeiden. Dies wurde natürlich auch wieder mit der Handykamera von den anwesenden Zivis festgehalten. Beim «fachgerechten» Herausheben wurde das Fahrzeug seitlich eingedrückt, weil die Struppen des Krans falsch montiert wurden. Mit dem Filmbeweis glaubten wir, dass das Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Ein Irrtum! Das Risiko der Bergung trägt der Besitzer des Fahrzeugs. Und so lernt man auch als Zivildiensteinsatzbetrieb nie aus.

  2002 2015
Zivis pro Jahr 30 102
Diensttage (DT) pro Jahr 1571  6491 
Diensttage total bis 31.12.2015    59 544 
Zivis total bis 26.5.2016   648 
Zivi-Alter Ø 26,6 Jahre Ø 25,8 Jahre
  54 % über 25 Jahre 23 % über 25 Jahre
  27 % über 30 Jahre 16 % über 30 Jahre
Jüngster Zivi 20 Jahre 19 Jahre
Ältester Zivi 36 Jahre 35 Jahre
Einsatzdauer (DT) pro Zivi Ø 57,8 Ø 57,4
Längster Einsatz (DT) 126 304 
Kürzester Einsatz (DT) 27 
Stellenprozent Fachleiter 150  450 
Anzahl Fahrzeuge
Anzahl Einsatzgebiete 40  300 
Kantone Zürich Zürich, Schaffhausen, St.Gallen

Autoren

Patrick Fischer (Dipl. Tropen-Agrotechniker, Basel) hat den Verein Grünwerk gegründet und ist bis heute Geschäftsführer. Martin Gattiker (Dipl. Forstingenieur ETH) ist seit vielen Jahren Stellvertreter der Geschäftsführung von Verein Grünwerk.

Letzte Änderung 07.09.2016

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