Zivildienst bei den Archäologen in Avenches

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Blick in eine der zahlreichen Ausgrabungen von 2004 in Avenches, bei der Zivis zum Einsatz kamen. Ziel: Fernheizungsröhren statt der Reste eines römischen Heiligtums unterhalb der Strasse. (© AVENTICUM – Site et Musée romains d’Avenches)

Was trägt der Zivildienst zur Kulturgütererhaltung bei? Die Archäologin Dr. phil. Anne de Pury-Gysel leitete 15 Jahre lang den Fundplatz der Helvetierhauptstadt Avenches-Aventicum und wurde dabei 2004 auch von Zivis unterstützt. Ihr Artikel gibt Einblick in verborgene Erdschichten und führt zurück zu den Römern in lange vergangene Zeiten.

Neubauten statt «alter Steine»

2004 war für den Fundplatz Aventicum, einst Hauptstadt der Helvetier, ein besonders einschneidendes Jahr. Die Stadt Avenches wollte möglichst zügig die Kanäle für eine neue Fernheizung unter das moderne Strassennetz einziehen. Unser kleines Grabungsteam von fünf Personen kam an seine Grenzen. Über 4000 m2 waren zu untersuchen. Natürlich reichten die Finanzen nicht für das Einstellen des eigentlich benötigten Personals. Für die Archäologen wurde diese Situation zu einem Balanceakte beruflicher Ethik. Wie genau sollten die zu Tage kommenden Reste der römischen Siedlung dokumentiert, die Funde geborgen werden, bevor der Bulldozer – wie es die heutige Norm will – alles Störende entfernen würde, um den neuen Leitungen Platz zu machen? Mit dieser Situation wurden die sieben Zivildienstleistenden konfrontiert, die 2004 eingestellt wurden, eine aussergewöhnliche Erfahrung für sie.

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Luftaufnahme desselben Quartiers von Avenches. Auf dem Strassenbelag sind die Mauern des ausgegrabenen Tempels markiert. (© AVENTICUM – Site et Musée romains d’Avenches)

Zivildienst in der Archäologie: zu einfach?

2004 war schon das achte Jahr, in dem die Fondation Pro Aventico Zivis einstellen konnte. Die permanente Belegschaft hatte inzwischen einige Erfahrungen mit diesem neuen Dienst sammeln können. Hinter uns lagen innere und äussere Auseinandersetzungen. Da war zum Beispiel der Widerstand von Mitarbeiterinnen, deren Söhne vor kurzem die Rekrutenschule absolviert hatten. Sie taten sich schwer mit der Vorstellung, dass andere junge Männer nicht die gleichen Strapazen auf sich nehmen sollten wie ihre Söhne. Wieso diese ungleiche Behandlung, wieso sollte man den Zivildienstleistenden erlauben, ihre Pflicht gegenüber ihrem Land ohne Uniform und ohne Waffe «gemütlich» an einem spannenden Ort zu tun? Diese Skepsis konnte erst gebrochen werden, nachdem mehrere Zivis gezeigt hatten, dass sie mit Engagement und Überzeugung ihren Dienst leisteten. Zu den äusseren Auseinandersetzungen gehörte das Sich-Angewöhnen zwischen Einsatzinstitution und Zivildienststellen. Es galt nicht nur, Pflichtenhefte zu formulieren und diese akkreditieren zu lassen. Was vielmehr blieb, war eine gewisse Unsicherheit beiderseits zur Formulierung und zur konkreten Umsetzung des Zivildienstes. Was sollte ein junger Schweizer leisten müssen? Inwiefern sollte die Leistung eine Anstrengung sein? Aber welcher Art? Eine physische Anstrengung? Archäologie besteht auch, aber nicht nur aus Hacken, Schaufeln und Pinseln! Gut kann ich mich an die Rüge bei einem Kontrollbesuch erinnern, weil sich ein Zivi vor einem Computer befand und ein anderer scheinbar inaktiv an den Schubladen des Planmöbels im engen fensterlosen Archiv stand, dort aber in Wirklichkeit während Tagen mühsam das Inventar von Hunderten von Plänen erstellen musste: wirklich ein Schleck?

Kulturgüterschutz – ein ewiger Interessenskonflikt?

Diskussionen, die wir mit den Zivis etwa in den Pausen führten: Was verteidigen wir? Natürlich die Bevölkerung, zuallererst. Dann aber auch die materielle Hinterlassenschaft der Bevölkerung aus allen vergangenen Zeitabschnitten. Sollen wir das wirklich tun? Geld und Zeit dafür einsetzen? Ja, natürlich: Es sind die sichtbaren Zeugen unserer Kultur, die unsere Entwicklung, unsere Bemühungen und Probleme, unserer Ideen und Ziele bekunden. Seit wann tun wir dies? Im Rahmen von staatlich getragenen Institutionen seit weniger als 100 Jahren. Wer tut dies? Es sind vor allem die Ämter für Denkmalpflege und Kantonsarchäologie. Sie wiederum sind aus langjährigen assoziativen Bewegungen hervorgegangen. Was wollte man retten, schützen und bewahren? Immobiles und Mobiles, also Gebautes und Bewegliches wie Bücher, Gemälde, Gegenstände und eben auch archäologische Bodenfunde. Der Interessenkonflikt zwischen Bewahren und dem Bedürfnis nach Neuem war absehbar und bleibt unausweichlich, denn Platz und Geld sind beschränkt. Was darf bleiben und was muss weichen, was ist wichtig, was weniger? Das Zauberwort heisst Gleichgewicht. Aber wer bestimmt dieses und sind die Entscheidungen nachhaltig?

Etwa in dieser Art gingen die Argumente hin und her. Unsere Frustration darüber, dass 2004 ein Teil des mächtigen Fundaments eines der ältesten Tempel der Römerstadt der Fernheizung weichen musste und bei dieser Demolierung während Stunden unser in der Nähe liegendes Bürogebäude zitterte, hat die Zivis sicher zum Denken angestossen.

Ein Sprung in die Römerzeit: Wie sahen die Pflichten damals aus?

Schauen wir einen Augenblick lang zurück. Wie sahen vor 2000 Jahren die Pflichten und Rechte der Menschen im Imperium Romanum aus, zu dem auch das Gebiet der heutigen Schweiz während mehr als 400 Jahren gehörte, ein Reich, das flächenmässig grösser war als die Europäische Union der 28 Staaten? Der Aufbau des Römerreiches war etwa gleich komplex wie ein modernes Staatswesen. Zu den Pfeilern gehörten die Gesetzgebung, die Armee, die Administration, eine Einheitswährung und zwei offizielle Sprachen: Latein im Westen und in der Armee, Griechisch im Osten. Die Armee umfasste ein Heer von 50 Legionen von je 6000 Soldaten. Die Kosten der Armee betrugen etwa 70 % des Staatsbudgets. Der Militärdienst war eine Zwangsmassnahme. Prinzipiell konnten alle männlichen Einwohner zwischen 17 und 60 Jahren zum Militärdienst verpflichtet werden. Jährlich fanden Aushebungen statt, an denen 18 000 Männer eingezogen wurden. Bürger mit dem vollen Bürgerrecht kamen als Soldaten in die Legionen, die anderen freien Bürger in die Hilfstruppen. Ausgenommen vom Militärdienst waren Sklaven. Geprüft wurden bei der Aushebung der Gesundheitszustand, die minimal erforderliche Grösse und die Lateinkenntnisse. Wer Lesen, Schreiben und Rechnen konnte, wurde für administrative Aufgaben innerhalb der Armee bestimmt. Die Offiziere wurden direkt aus den beiden obersten Ständen, den Rittern und Senatoren, ernannt. Der Dienst dauerte je nach Truppeneinheit 12 bis 25 Jahre, dazu kamen mehrere Jahre als Reservisten.

Das war aber nur ein Teil der Bürgerpflichten! Nach dem Dienst, oder an seiner Statt, begannen die zivilen Bürgerpflichten. Abgesehen von seiner Steuerpflicht, war der römische Bürger angehalten, je nach sozialem Status und Vermögen, einen Teil seiner Zeit und seiner Mittel dem Gemeinwohl zu opfern. Diese Ämter beruhten auf moralischen oder gesetzlichen Verpflichtungen. Der Bürger konnte ein Amt nach dem andern durchlaufen, dabei hierarchisch aufsteigen und zu Ehren kommen. Nicht verpflichtet waren etwa Ärzte, Lehrer und Philosophen, aber auch Arme, Kranke und Familienväter (!) von zahlreichen Kindern. Ein ideales Modell, könnte man meinen. Wieso zerfiel die römische Zivilisation trotzdem? War es das Ökonomiesystem, das an seine Grenzen gestossen war? Es beruhte auf der stetigen Ausdehnung des Reichsgebietes durch immer neue Eroberungen und dem damit verbundenen Wachstum. Oder war es der allgemeine moralische Zerfall, das schwindende Verständnis für das Gemeinwohl? Jedenfalls ist bekannt, dass allerlei Listen und Tricks angewendet wurden, um diesen Bürgerpflichten zu entgehen, was zu Diskussionen über Moral, Eigennutz und mangelnden Gemeinschaftssinn führte.

Motivation für den Zivildienst

Meine eigene Überzeugung für die Schaffung eines zivilen Dienstes wurzelt in einer Erfahrung im Jahr 1982. Damals leitete ich ein Nationalfondsprojekt zum römischen Chur. Zusammen mit drei Wissenschaftlerinnen, zwei Zeichnern und einem Fotografen versuchten wir, den engen Zeitplan einzuhalten. So war es eben eine echte Katastrophe, als einer der Zeichner nicht zum WK einrücken wollte und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nicht nur unsere Termine waren dadurch in Frage gestellt, sondern auch grundsätzlich dieses erste SNF-Projekt, bei dem es Frauen – Müttern – bewilligt worden war, mehrheitlich zu Hause zu forschen. Es galt zu beweisen, dass wir trotzdem kompetent, seriös und effizient waren! Die Fragilität unseres Status, die drohende Ausgrenzung auf Grund des Geschlechtes und des Arbeitsmodells haben mich sensibilisiert für die Situation unseres verurteilten Zeichners. So konnten wir für ihn erreichen, dass er in seiner «Freizeit» im Gefängnis kleine archäologische Objekte zeichnen durfte und den Lohn dafür bei seiner Entlassung bekam. Am wichtigsten für ihn selbst waren jedoch die Verbundenheit mit der Aussenwelt und die fortdauernde Wertschätzung.

Als Schweizer Bürgerin bin ich erleichtert, dass wir seit 1996 endlich eine Alternative zum Militärdienst haben. Viele junge Schweizer sind bereit, einen Dienst in zivilen Bereichen zu leisten. Diesen würde ich auch für uns Frauen wünschen. Jeder Einsatzbereich des Zivildienstes fördert das Verständnis, das Verantwortungsgefühl, das Engagement und die künftige Urteilskraft junger Bürger bei politischen Entscheidungen.

Autorin

Dr. phil. Anne de Pury-Gysel, Archäologin. Leiterin des Fundplatzes Avenches–Aventicum 1995–2010  

Letzte Änderung 26.09.2016

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