40 Jahre Engagement für den Zivildienst

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Luca Buzzi ist Koordinator des Zentrums für Gewaltlosigkeit der italienischen Schweiz und erhielt im Jahr 2014 den CIVIVA-Preis. Er erzählt aus seiner langjährigen Erfahrung von der Entstehungsgeschichte des Zivildienstes. Dabei schlägt er den Bogen nicht nur 20 Jahre zu den Anfängen, sondern 40 Jahre zurück in die Vorgeschichte des Zivildienstes.

Ein ganzes Jahrhundert für die Einführung des Zivildienstes

Der Zivildienst feiert dieses Jahr ein wichtiges Jubiläum. Doch wenn man bedenkt, wie lange es bis zur Einführung dieser Alternative zum Militärdienst dauerte, sind 20 Jahre eine kurze Zeit. Das erste offizielle Gesuch um Anerkennung des Rechts auf Militärdienstverweigerung aus Gewissensgründen und für die Einführung eines zivilen Ersatzdienstes reicht ins Jahr 1903 zurück und wurde im Anschluss an die Verurteilung des sozialistischen Leaders Charles Naine gestellt. Es brauchte also fast ein Jahrhundert unermüdlichen Kämpfens und über 25 000 junge Männer, denen – auf teilweise abschätzige, demütigende und beschämende Weise – vor Militärgerichten der Prozess gemacht und eine Gefängnisstrafe auferlegt wurde, bis die Schweiz schliesslich einen Zivildienst geschaffen hat, wie es ihn in vielen anderen Ländern bereits seit Langem gab.

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Harter langjähriger Einsatz

PMein persönliches Engagement für den Zivildienst begann im Jahr 1977, als wir die Volksinitiative für einen echten Zivildienst auf der Grundlage des Tatbeweises lancierten, die 1984 an der Urne scheiterte. 20 Jahre mussten wir uns dafür einsetzen, bis der Zivildienst endlich Realität wurde. Und es dauerte weitere 12,5 Jahre, bis die absurde Gewissensprüfung endlich abgeschafft und der Tatbeweis als Zulassungskriterium akzeptiert wurde, d.h. die Bereitschaft, einen anderthalb Mal so langen Dienst wie im Militär zu leisten. So war es auch schon in unserer Volksinitiative vorgesehen.

In all diesen Jahren haben hunderte von jungen Männern mit uns Kontakt aufgenommen, um sich kostenlos beraten und unterstützen zu lassen – sowohl vor als auch nach der Einführung des Zivildienstes. Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren hatten wir bei unserer Arbeit mit vielen Hindernissen zu kämpfen. Nur schon von Gewissensentscheid und Zivildienst zu sprechen, galt damals als subversiv und zog teils schwerwiegende Konsequenzen nach sich.

So führte beispielsweise nur schon die Teilnahme an einer Versammlung des Schweizer Initiativkomitees (eigentlich ein Verfassungsrecht) zur Fichierung auf Bundesebene. Mein Telefon wurde jahrelang abgehört. Dennoch sah sich die Behörde nicht imstande, die Personen zu ermitteln, die mich regelmässig und mit Vorliebe nachts anriefen und beschimpften.

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Benachteiligungen aufgrund des Zivildienstes

Doch auch die Einführung des Zivildienstes im Jahr 1996 setzte den Schwierigkeiten und Benachteiligungen noch kein endgültiges Ende. Militärdienstverweigerer, die nicht zum Zivildienst zugelassen wurden, stellte man weiterhin vor Militärgericht, was für sie ernsthafte persönliche Folgen hatte, sowohl in psychologischer als auch in finanzieller Hinsicht (z.B. Stellenverlust). Die ersehnte Abschaffung der absurden Gewissensprüfung, die im April 2009 endlich Realität wurde, ging indes 2011 mit der Einführung diverser Einschränkungen und administrativer Nachteile einher, um die Zahl der Zivildienstleistenden zu beschränken. Die am 1. Juli 2016 in Kraft getretenen Änderungen des Zivildienstgesetzes und der Zivildienstverordnung bestätigten diese Einschränkungen und verschärften sie sogar teilweise noch. Die durch diese Revision erreichten Verbesserungen, wie die Ausweitung der möglichen Einsatzorte des Zivildienstes auf Schulen und eine bessere Ausbildung der Zivis, konnten dies nur teilweise wettmachen.

Mehr über das Positive berichten

Heute kann man sagen, dass der Zivildienst etabliert ist − und das nicht nur als Ersatz für den Militärdienst. Sein Nutzen und seine Bedeutung für einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft sind inzwischen unbestritten, wenn auch noch wenig bekannt. Das gilt sowohl für die Jugendlichen als auch für die breite Bevölkerung, die den Zivildienst teilweise immer noch mit dem Zivilschutz verwechselt. Es sind also noch weitere Kommunikationsanstrengungen nötig, um die vom Zivildienst vermittelten Werte darzulegen, Erreichtes hervorzuheben und den Beitrag des Zivildienstes zum guten Funktionieren der Gesellschaft aufzuzeigen. Genau das versucht auch das Zentrum für Gewaltlosigkeit der italienischen Schweiz (CNSI, www.nonviolenza.ch) im Kleinen und ausschliesslich mittels Freiwilligenarbeit zu erreichen. 2010 hat das CNSI die Nachfolge der Tessiner «Gruppe für den Zivildienst» (GTSC, Gruppo ticinese per il servizio civile) angetreten und deren Aufgaben übernommen. Es veröffentlicht unter anderem vierteljährlich die Publikation Nonviolenza.

Und schliesslich leisten die Zivis im Rahmen ihres Zivildienstes nicht nur einen nützlichen Beitrag für die Gesellschaft, sondern können sich auch auf persönlicher und beruflicher Ebene weiterentwickeln. Der Zivildienst ist für sie eine Erfahrung fürs Leben!

Wünsche für die Zukunft

Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir, dass in Zukunft auch Frauen, Ausländer und militärdienstuntaugliche Personen auf freiwilliger Basis Zivildienst leisten dürfen. Gerade Letztere müssen momentan noch Wehrpflichtersatz zahlen, auch wenn sie theoretisch interessiert und bereit wären, Zivildienst zu leisten. Auf diese Weise könnten zudem alle Mitglieder unserer Gesellschaft ihren Beitrag zur Allgemeinheit leisten.

Ein weiteres Anliegen meinerseits besteht darin, aktiven Vätern, die freiwillig Teilzeit arbeiten, um sich mehr um ihre Familie zu kümmern, auch beim Zivildienst Teilzeitpensen zu ermöglichen.

Und es sollte auch geprüft werden, ob sich ein echter Zivildienst für den Frieden schaffen liesse (sowie ein unbewaffneter und gewaltfreier Zivilschutz) − mit zivilen Einsatztruppen, die auch bei Konflikten im Ausland zur Prävention, zur Mediation und zur gewaltfreien Lösung beitragen. Solche Strukturen gibt es in anderen Ländern bereits oder sie sind gerade im Aufbau. Die neutrale Schweiz sollte als Sitz der internationalen Organisationen hier mit gutem Beispiel vorangehen und nicht wieder das Schlusslicht bilden, wie das beim Zivildienst der Fall war.

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«Ich wusste nicht, dass es um unsere Armee so schlecht steht…»
«…wegen der Kampfflugzeuge, meinst du?»
«Nein, weil es reichte, dass sich letztes Jahr 79 Personen mehr für den Zivildienst entschieden als 2014, um die Armee in eine Krise zu stürzen.»

Zivildienst kämpft nach wie vor mit Gegenwind

Trotz der vielen bedeutenden Erfolge des Zivildienstes in den letzten 20 Jahren und gerade auch mit Blick auf die oben geäusserte Hoffnung auf eine stärkere Öffnung müssen wir leider feststellen, dass verschiedene Personen, darunter ranghohe Vertreter aus Militär und Politik, den Zivildienst noch immer nicht akzeptieren und nach wie vor Vorwände suchen, um ihn zu bekämpfen.

Hier lässt sich als Beispiel die kürzlich gemachte Aussage des neu ernannten künftigen Armeechefs anführen, der den Zivildienst noch vor seinem Amtsantritt als Sündenbock auserkor, da er «zu attraktiv» sei. Auf diese Weise vermied er es, die armeeinternen Probleme anzusprechen, mit denen er konfrontiert sein wird. Zudem bildete sich nach den letzten eidgenössischen Wahlen beispielsweise in der Sicherheitskommission des Nationalrates eine Mehrheit, die sich mit den zahlreichen, vom Bundesrat bereits eingeführten Einschränkungen beim Zivildienst noch immer nicht zufrieden gibt und noch mehr fordert, wie etwa eine erneute Verlängerung der Dienstzeit.

Diese Personen verkennen nicht nur die Verdienste des Zivildienstes, sie äussern sogar Zweifel am Bericht des Bundesrates, in dem dieser klar bestätigt, dass der Zivildienst die Bestände der Armee nicht gefährdet.

Unser Engagement, um das Erreichte zu bewahren und weiter zu festigen, ist also definitiv noch nicht abgeschlossen und ich hoffe, dass viele andere Menschen, die jünger sind als ich, sich ebenfalls aktiv dafür einsetzen werden.

Autor

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Luca Buzzi, Koordinator des Zentrums für Gewaltlosigkeit der italienischen Schweiz

Letzte Änderung 06.12.2016

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