Mähen, sensen, ausreissen: ein Einsatz im Dienst der Umwelt

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Der ehemalige Zivi Rolf Heckendorn ist vielseitig engagiert. Geschäftsführer, Genossenschafter und Konzertorganisator sind nur einige seiner Tätigkeiten. Auch seine Dienstzeit verlief vielfältig und führte ihn von der Armee zum Zivildienst. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm sein Umwelteinsatz beim «Verein Grünwerk», den der ETH-Informatiker im Jahr 2002 geleistet hat.

Was wir taten, war im besten Wortsinn handfest: Goldruten ausreissen, Schilf mähen, japanisches Springkraut sensen. Abends taten die Hände weh. Es war schön, die Veränderung durch unsere Arbeit zu sehen. Felder und Biotope waren von Unkraut befreit. Mein Einsatz bei «Grünwerk» hatte zum Ziel, den heimischen Pflanzen den nötigen Lebensraum zu verschaffen. Wir bekämpften invasive Neophyten. Doch nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern auch Behutsamkeit waren wichtig. Denn im Schilf konnten sich Frösche befinden, zwischen Unkraut standen Orchideen. Aufmerksamkeit war gefragt. Ausgerissenes durfte nicht einfach weggeworfen werden. Es hätte sich vermehren können.

Morgens gab es jeweils eine kurze Einsatzbesprechung durch Martin Gattiker und wir erhielten die frisch geschliffene Gerätschaft. Danach ging es ins Freie an die Arbeit. Ich genoss diese Arbeitstage während dieses Einsatzes, denn er war eine grosse Abwechslung zu meinem Berufsalltag als selbständiger Informatiker. Die körperliche Arbeit in der Natur erfrischte und umso motivierter ging ich sie an. Als älterer Zivi rutschte ich bald in eine Position mit Verantwortung und ich leitete die Gruppe an, wenn der eine oder andere mit Motivationsschwierigkeiten kämpfte. Ich lernte zu motivieren. Und bis heute habe ich ein Auge dafür behalten, welche Pflanzen hier heimisch sind. 

Ein langer Weg

Als der Zivildienst eingeführt wurde, hatte ich einen beträchtlichen Teil meiner Dienstzeit absolviert. Sie begann im Militär. Ich hatte stärkste Vorbehalte, denn ich bin überzeugt, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden müssen und die Schweiz in der glücklichen Lage ist, keine Gewaltkonflikte an ihrer Grenze lösen zu müssen. So bin ich aufgewachsen und dies ist meine Haltung bis heute geblieben. Aber aus Angst, meine Berufschancen zu mindern, ging ich nicht ins Gefängnis. Der blaue Weg kam für mich aus prinzipiellen Gründen nicht in Frage. Ich wurde Rekrut. Mit grösster Aufmerksamkeit verfolgte ich die einsetzende Debatte um den Zivildienst. Ich las das Buch von Ruedi Winet «Etwas Sinnvolles tun». Als die Möglichkeit zum Zivildienst geschaffen wurde, ergriff ich sie und stellte das Gesuch um Zulassung. Nach meiner Anhörung und Zulassung leistete ich Einsätze im Umwelt- und im Sozialbereich. Der Einsatz bei Grünwerk, den ich vom 26. August bis zum 2. Oktober 2002 leistete, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Nie zuvor hatte ich körperlich so in der Natur gearbeitet.

Freiwilliges Engagement

Der Zivildienst beschäftigte mich auch nach meiner Entlassung. Ich begann mich in der Beratungsstelle für Gesuchsteller zu engagieren. Ich war der Überzeugung, dass Menschen mit Gewissenskonflikt etwas Sinnvolles tun sollen und der Zivildienst ihnen möglich gemacht werden sollte. Auf der Beratungsstelle kam ich mit den unterschiedlichsten Fragestellungen in Kontakt. Wir berieten Menschen, die einen Gewissenskonflikt haben, aber Schwierigkeiten im schriftlichen Ausdruck. Die Beratung war unentgeltlich. Freiwillige Entschädigungen waren willkommen. Allmählich nahm der Bedarf an unseren Dienstleistungen ab. Der Zivildienst rückte in meinem Leben in den Hintergrund. Freiwillig engagiert bin ich aber geblieben und ich war es schon immer: Als Genossenschafter gründete ich mit ehemaligen WG-Kollegen an der Florastrasse 49 in Uster das Projekt «Flora 49». Kernstück der Genossenschaft ist unser Gemeinschaftsraum, der baulich mit seinen grossen Fenstern und hohen Decken Offenheit symbolisiert. Es ist ein Ort der Begegnung, der Veranstaltung und des gemeinsamen Spiels. Hier zeigen wir Fussball, organisieren Konzerte. Hier kommen Menschen aus dem Quartier und aus ganz Uster zusammen. In der Genossenschaft, die aus acht Mietparteien besteht, diskutieren und entscheiden wir Fragen, die die Gemeinschaft betreffen.

Als politischen Menschen im engeren Sinne würde ich mich nicht bezeichnen. Das Taktieren liegt mir weniger. Einzig in der Schulpflege habe ich ein politisches Amt. Durch mein Lehrerpatent und meine schulpflichtige Tochter empfinde ich eine besondere Nähe zu Schulfragen. Mein 80%-Pensum hat mit die Möglichkeit gegeben, an den Schulfragen meiner Tochter teilzunehmen und präsent zu sein. Aktuell beschäftigt mich zudem die Konzertorganisation auf dem ehemaligen Zeughausareal von Uster. Es wird ein grosses Ding, auf das ich mich jetzt bereits freue. Auf diesem Areal, das die Stadt der armasuisse zur Hälfte abgekauft hat, entstehen neue kulturelle Räume.

Manchmal frage ich mich, ob ich mich mit dem Engagement in den Vordergrund spiele. Aber ich habe gemerkt, dass viele dankbar sind, wenn jemand organisiert und koordiniert. Andere sind im Kreativen oder Gestalterischen besser, sie bauen die Bühnen oder gestalten die Deko. Freiwilliges Engagement ist für mich nicht Aufopferung: Ich tue das auch für mich, denn ich liebe gute Konzerte. Es stellt mich zufrieden, wenn ich Stärken – das Integrieren, Vernetzen und Organisieren – einbringen kann. 

Konstanten und Veränderungen

Obwohl der Zivildienst in meinem heutigen Leben eine geringere Rolle spielt, habe ich ihn nicht ganz aus den Augen verloren. Das Jubiläum gibt auch wieder Anstoss für Gedanken. Ich denke, der Zivildienst hat sich in seinen Aufgaben und darin, wie Zivis die Einstätze wahrnehmen, kaum verändert. Ich finde nach wie vor, der Zivildienst soll möglich gemacht werden und gelebt werden. Mit meinem Stiefsohn, der Berufsoffizier ist, habe ich in jüngerer Zeit viele Diskussionen über den Sinn der Armee geführt. Ich versuche, den Sinn zu verstehen, aber es gelingt mir noch immer nicht. Durch meinen Stiefsohn habe ich aber auch gesehen, welch grossartige Ausbildung Offiziere in der Armee erhalten. Ihre Ausbildung genügt hohen Standards aus der Wirtschaft, so wie ich dies als Geschäftsleitungsmitglied eines mittlerweile 20-köpfigen Unternehmens beurteile.

Der Zivildienst hat sich auch verändert und zwar nicht nur in seiner Grösse und Wirkung. Ich denke, er ist heute anerkannter. Die Zulassung ist erst einfacher und dann wieder schwerer geworden. Vielleicht ist der Zivildienst auch starrer geworden. Als Arbeitgeber sehe ich, welch grosse Belastung ein langer Einsatz für die Wirtschaft darstellen kann. Aber das soll kein Grund sein, nicht Zivildienst zu leisten. Wenn Angestellte oder Lehrlinge in unserem Unternehmen Zivis sind, so können sie sich meiner Unterstützung und Freude sicher sein.

Autor

Rolf-Heckendorn

Rolf Heckendorn lebt mit seiner Frau und Tochter in Uster. Er ist Chief Software Engineering und Mitinhaber der «EcoLogic AG».

Letzte Änderung 23.08.2016

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