Feldarbeit in Nepal

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«Dieser Einsatz hat mich vor allem persönlich weitergebracht, dank den Kontakten zu meinen Kolleginnen und Kollegen und den Begegnungen mit verschiedenen Menschen.» (Foto: Prabin Manandhar)

Marius Klinger wurde 2009 zum Zivildienst zugelassen. Nachdem er zuerst einige Einsätze im Umweltbereich leistete, begab er sich für seinen langen Einsatz nach Nepal. Insgesamt hält der Ingenieur fest: «Unabhängig davon, was von meiner Präsenz und Arbeit hier in Nepal bleibt, ich persönlich habe mich weiterentwickelt und von meiner Zivildiensterfahrung profitiert.»

Die Entscheidung für den Zivildienst

Als überzeugter Militärgegner wollte ich den Wehrdienst vermeiden und der Armee möglichst nichts schuldig sein. Das heisst jedoch nicht, dass ich überhaupt keinen Dienst leisten wollte. So war die Entscheidung für den Zivildienst naheliegend, da mir dieser die Möglichkeit bot, auch mein Interesse für die Umwelt einzubringen. Denn der Zivildienst erlaubte mir, mich für Projekte zugunsten der Natur oder im humanitären Bereich einzusetzen, was mir sowohl persönlich als auch beruflich als Bereicherung erschien. So erklärte ich 2009 mit 18 Jahren, kurz nachdem das vereinfachte Verfahren zur Zulassung zum Zivildienst eingeführt worden war, an der Aushebung in der Kaserne von Pontaise in Lausanne, dass ich in den Zivildienst eintreten wollte.

Mein erster Einsatz im Jahr 2009: Der Bau einer Trockenmauer in Toumalay

Nach dem Gymnasium machte ich ein Zwischenjahr, in dem ich mich durch Reisen in Nepal, Indien und Australien persönlich weiterentwickeln wollte. Vor dem Reisen absolvierte ich jedoch meinen ersten Zivildiensteinsatz. Da ich lieber an der frischen Luft arbeite als den ganzen Tag drinnen eingesperrt, suchte ich einen Einsatz mit Bezug zur Natur. Nach mehreren erfolglosen Gesuchen wurde ich für einen von Pro Natura organisierten Gruppeneinsatz in den Waadtländer Voralpen zugelassen: Ziel war die Restauration und der Bau einer Trockenmauer auf der Alp von Toumalay oberhalb von L’Étivaz im Pays-d’Enhaut. Der Einsatz dauerte sechs Wochen und gefiel mir so gut, dass ich ihn die folgenden drei Sommer wiederholte. Der Rahmen war wirklich sehr idyllisch: ein Team aus 7 bis 9 Zivis auf einer Alp auf rund 2000m Höhe, eineinhalb Stunden Fussmarsch von der nächsten Strasse entfernt. Am Abend assen wir gemeinsam, hatten Spass und nachts schliefen wir in mongolischen Jurten. Abgesehen von diesen idealen Bedingungen war auch die Arbeit an sich – das Restaurieren eines Elements der Schweizer Bauern-Kultur– spannend und befriedigend. Die Arbeit war zwar körperlich anstrengend, aber ich glaube, ich war nie fitter als nach einem Zivildienstsommer auf der Alp.

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«Die wichtigste Aktion ist die Entwicklung eines Systems für die Entsorgung von Fäkalschlamm.» (Foto: Prabin Manandhar)

Der lange Einsatz

Obwohl ich den Einsatz in Toumalay besonders mochte, musste ich nach vier Sommern Arbeit für Pro Natura langsam an meinen langen Einsatz von sechs Monaten denken. Da ich jedoch noch Ingenieurwissenschaften an der EPFL studierte, wollte ich vor dem langen Einsatz zuerst das Studium abschliessen. Ich sagte mir, dass ich meine im Studium erworbenen Kenntnisse so besser in die Praxis umsetzen und damit auch einen grösseren Mehrwert einbringen können würde. Ich habe also zuerst fertigstudiert und dann einen neuen Einsatz gesucht. Ich wollte einen langen Einsatz in einem Schwerpunktprogramm oder im Ausland finden. Dies gelang mir dank eines Anrufs bei einem meiner früheren Professoren, der in der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) arbeitet, rasch. Da ich mich besonders für die Entwicklung von Lösungen für sanitäre Probleme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen interessiere, gefiel mir der Vorschlag eines siebenmonatigen Einsatzes in Nepal auf Anhieb. Ziel sollte es sein, einen Plan für sanitäre Verbesserungen in einer ganzen Stadt zu entwickeln.

Die Feldarbeit in Nepal

Als frisch diplomierter EPFL-Absolvent machte ich mich also 2016 aus dem ausklingenden Winter in der Schweiz auf den Weg nach Nepal, um dort erneut in die Hitze, die Gewürze und das Verkehrschaos von Kathmandu einzutauchen. Da ich die Region durch einen Ferienaufenthalt in Nepal und sechs Monate Arbeit in Indien bereits kannte, konnte ich mich relativ rasch zurechtfinden und einleben. Bis wir richtig mit dem Projekt beginnen konnten, verging allerdings viel Zeit, da wir versuchten, eine offizielle Unterschrift für den Vertrag zwischen der Regierung, dem EAWAG und dem Ingenieurbüro, bei dem ich arbeitete, zu erhalten. Schliesslich entschieden wir uns, direkt in die vom Projekt betroffene Stadt Tikapur zu fahren, um dort loszulegen und die offiziellen Vertreter sowie die übrigen Akteure aus dem sanitären Bereich zu treffen. Der Besuch verlief gut, alle Akteure waren motiviert und bereit, sich aktiv an der Erarbeitung und Umsetzung des Projekts zu beteiligen. Wieder zurück in Kathmandu und bevor das Projekt fortgesetzt werden konnte, mussten wir alle vorhandenen Informationen über die sanitäre Lage von Tikapur sammeln, um eine lange und kostspielige Feldstudie zu vermeiden.

Informationen sammeln

Zu diesem Zeitpunkt kämpften wir mit einem Hindernis, das bei dieser Art von Arbeit häufig vorkommt: der Schwierigkeit, an Sekundärinformationen zu gelangen – früher durchgeführte Studien, andere Karten und Ergebnisse, die für uns nützlich wären. So verbrachten wir fast einen Monat damit, Informationen zu sammeln, entschieden dann aber, vor Ort selber eine Untersuchung zur sanitären Lage der Stadt durchzuführen. Zurück in Tikapur mit einem Experten für Feldstudien mussten wir rund zehn Einheimische ausbilden, um Interviews in verschiedenen Teilen der Stadt durchzuführen. Diese Interviews wurden mithilfe einer mobilen Anwendung zur Datenerfassung aufgezeichnet, womit wir bei der Eingabe und Analyse der 400 Fragebogen mit je 140 Fragen Zeit gewannen. Die Datenanalyse wurde anschliessend in der Hauptstadt vorgenommen. Nach einem Monat kehrten wir wieder nach Tikapur zurück, um die Ergebnisse der Studie zu verfeinern und besser zu verstehen, in welchen thematischen und geografischen Zonen ein prioritärer Handlungsbedarf besteht. Wir kamen zum Schluss, dass in erster Linie ein System zur Fäkalschlammbehandlung entwickelt werden muss. Heute werden die Klärgruben ungeschützt von Hand geleert und der Schlamm direkt im nächstgelegenen Garten oder Bach deponiert, was grosse Verschmutzungen verursacht und ein hohes Gesundheitsrisiko für die Bewohnerinnen und Bewohner darstellt. Die anderen beiden Prioritäten sind die Entsorgung von Siedlungsabfällen, und insbesondere von Plastikabfällen, und das Problem der Überschwemmungen in bestimmten Ortsteilen. Diese Arbeiten stehen uns jetzt, während ich diesen Bericht schreibe, noch bevor.

Nepal aus persönlicher Sicht

Unabhängig davon, was meine Präsenz und meine Arbeit hier in Nepal letztlich bewirken werden, habe ich mich persönlich weiterentwickelt und schätze die vielen Erfahrungen, die neu geknüpften Kontakte zu meinen Kolleginnen und Kollegen und die Begegnungen mit den verschiedenen Menschen während meines Zivi-Einsatzes in diesem schönen Land. Die nepalesische Kultur, die verstopften Strassen von Kathmandu, die Freunde, das Essen, die schönen und weniger schönen Erlebnisse sind Erinnerungen, die ich mit mir nach Hause nehmen werde und die mich noch lange prägen werden. Schliesslich hat diese Erfahrung mich darin bestärkt, mich beruflich weiter im humanitären Bereich zu engagieren.

Autor

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Der Waadtländer Zivi Marius Klinger mit Jahrgang 1990 hat an der EPFL Umweltingenieur studiert. 2016 leistet er seinen langen Einsatz in Nepal.

Letzte Änderung 25.10.2016

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