Zivildiensteinsatz Ballenberg 2004

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Als der gelernte Offsetdrucker Manuel Lienhard seinen Einsatz im Ballenberg begann, war er vor allem hungrig auf eines: neue Erfahrungen zu machen. Schnell merkte er, dass dieser Einsatz dafür genau das richtige war. Im Ballenberg war er als Allrounder im Einsatz und erfuhr etwas über Schweizer Baukunst, über Nutztiere und Handwerksarbeit.

Und wieder war ich an einem wunderschönen Ort gelandet, als ich anfangs Sommer 2004 im Freilichtmuseum Ballenberg meinen zweiten Zivildiensteinsatz begann. Bereits in meinem ersten Zivildiensteinsatz, wo ich als Gemeindearbeiter in einem Bergdorf im Wallis arbeitete, hatte ich einen besonderen Ort vorgefunden, den ich immer wieder aufsuchen werde.

Diesmal war es das Holzschnitzer-Dorf Brienz im schönen Berner Oberland, wo ich mir einen weiteren Einsatz ausgesucht hatte, der mir viele neue Erlebnisse und Eindrücke bescheren sollte. Ich war 23 Jahre alt, hatte eine Berufslehre als Offsetdrucker abgeschlossen, ein paar Jahre gearbeitet, um Geld zu sparen, und war nun voller Entdeckerlust. Es zog mich also weg in die verschiedensten Ecken der Schweiz.

Hungrig nach neuen Erfahrungen

Schon in meiner Lehrzeit als Drucker war mir klar geworden, dass ich diesen Beruf nicht lange ausüben würde, und schon kurz nach meiner Lehrabschlussprüfung streckte ich meine Fühler aus, um etwas Neues zu finden. Der Zivildienst mit dem breit gefächerten Angebot war geradezu perfekt für diese Lebensphase. Ich war auf der Suche nach einem Einsatz, in dem ich in die Natur rausgehen und dort mit meinen Händen im Dreck wühlen konnte. Auch wollte ich irgendwo hin, wo es Berge hat und ich mein eigenes Apartment haben konnte. Ich ackerte die Listen der möglichen Zivildiensteinsätze durch und suchte mir raus, was mein Herz begehrte. So fand ich den Zivi-Einsatz im Ballenberg, wo ich als Allrounder allerlei Pflege- und Unterhaltsarbeiten ausüben sollte. Als Unterkunft bekam ich vom Museum Ballenberg eine kleine Wohnung direkt am Brienzersee zur Verfügung gestellt.

Nun gab es viele neue Gesichter kennen zu lernen – und ein grosses Areal mit vielen verschiedenen Arbeiten. Das war bestimmt nicht einfach, schliesslich hatte ich fast keine Erfahrung für die zu leistende Arbeit. Auf jeden Fall war ich motiviert. Ich wusste aber auch, dass eine neue Arbeitsstelle mit Schwierigkeiten verbunden war.

Die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, waren nett, wenn auch etwas reserviert, und die Arbeit, wie erwartet, sehr vielseitig. Anfangs erschien mir das Museumsgelände wie ein grosses Labyrinth: von den Häusern mit den Strohdächern im Aargau über das tief gebaute Jurahaus mit der offenen Feuerstelle im Haus bis zum Pferdestall und zu den Taubenschlägen im Waadtland; von der Seidenproduktion im Tessin über das uralte und fensterlose Holzhaus aus Schwyz hinauf ins Appenzell, wo Wohnhaus und Stall zusammengebaut waren. Ich war begeistert von all dem, was ich da sah: den vielen Tieren, dem alten Handwerk, das überall vor Ort praktiziert wurde, und von den alten Häusern, die sich in die verträumte Landschaft des Ballenbergs einfügten.

Als Allrounder im Einsatz

Schon bald liess man mich selbständig arbeiten, was ich normalerweise sehr begrüsse, doch war da zu viel Neues, sodass ich oft nicht wusste, was genau zu tun war. Wie jedes Jahr hatte das Museum ein spezifisches Thema, welches in das frühere Landleben passte. 2004 war es «Transporttiere der Welt». Dafür kamen allerlei Tiere auf den Ballenberg und nicht alle davon passten ins Weltbild der Berner Oberländer, die im Museum arbeiteten. So fanden neben zahlreichen Pferden, Kühen und Ziegen auch Wasserbüffel, Lamas, Yaks oder Kamele den Weg ins Museum. Es ging nicht lange und ich wurde angefragt, einen Teil der Tierpflege zu übernehmen, was ich natürlich sehr gerne machte, schliesslich war es ja genau das, was ich suchte. Ich war fortan gut versorgt, es gab eine klare Mission und die Mitarbeiterin, die mich unter ihre Fittiche nahm, hatte viel Erfahrung mit Tieren und nahm sich die Zeit, mir die Dinge gut zu erklären.  

Ich erinnere mich gut daran, wie ich jeden Morgen, bevor die Besucher reinströmten, mit einer Vespa durch das verwunschene Ballenberg-Areal flitzte und an jedem Hof Halt machte, um dort die Tiere rauszulassen, das Gehäuse rauszuputzen und Futter zu geben. Es war eine tolle Arbeit, egal ob es regnete, neblig war oder schön Wetter: Jeder Morgen brachte eine eindrückliche Stimmung auf das Areal und die vielen verschiedenen Tiere vollendeten die Idylle. Ich erfuhr, wie ohrenbetäubend der Lärm von Gänsen ist, wie viel Kraft ein Pferd hat, wenn es seinen Weg gehen will, wie man ohne Sattel auf einem Pferd reitet, woher die Redewendung «du frisst wie ein Schwein» kommt, wie gewaltig gross und liebenswürdig ein Ochse ist, wie schnell ein neugeborenes Kalb oder Fohlen auf den Beinen steht. Aber es waren vor allem die Kamele, die viel von mir einforderten und mir auch bald ans Herz wuchsen. Aisha hiess das weisse Kamel und Thaifun das braune. Beide waren noch jung und hatten genau so viel Erfahrung mit Menschen wie ich mit Kamelen. Wie oft war ich aus dem Stall geflüchtet, weil Thaifun durchdrehte und wild trampelnd und mit hoch gehobenem Haupt seinen grünen stinkenden Mageninhalt über mich sprühte, weil ich versucht hatte, ihm das Halfter anzuziehen.

Es war eine sehr erlebnisreiche Zeit, die ich nicht verpasst haben möchte. Das Museum Ballenberg beherbergt eine gewaltige Menge an Informationen, die mich dazumal wie auch heute noch sehr interessieren. Es war also nicht nur die Arbeit, die an sich schon sehr interessant war, sondern auch der Ort, der auf sehr gute Art und Weise das Leben vor einer nicht allzu langen Zeit interaktiv darstellt. Als Zivi konnte ich mich jeden Tag in dieser Informationsquelle bewegen und mit den Arbeitern im wasserbetriebenen Sägewerk, in der Bäckerei, in der Schmiede oder im Heilkräutergarten einen Schwatz halten und etwas über das alte Handwerk lernen. 

Spuren des Zivildiensts

Unmittelbar nach dem Zivildienst-Einsatz begab ich mich auf eine Auslandreise nach Asien. Ich staunte dann nicht schlecht, als ich irgendwo in einem fernen Land in einem Innenhof einer Grossstadt sah, wie Männer mit einem Wasserschlauch auf Steine spritzten, die daraufhin zerbarsten und sich zischend zu einer mehlig-weissen Masse verwandelten. Ich hätte nicht gewusst, was da vor sich ging, hätte ich nicht im Ballenberg gesehen, wie man aus gebranntem Kalkstein Kalkputz für die Häuserwände macht. Was bei uns nur in einem Museum zu sehen ist, prägt an anderen Orten noch den Alltag.

Heute bin ich ein selbständiger Handwerker. Ich mache Möbel aus dem Holz aus meiner Nachbarschaft, das ich selber abhole und in das Sägewerk bringe. Ich mache Gebrauch von Steckverbindungen aus alten Zeiten, die sich bewährt haben und sich gut mit neuem Design vermischen lassen. Als zweites Standbein baue ich Trockenmauern, ein Handwerk, das ich im Zivildienst erlernt und danach weiter verfeinert habe. Das alte Handwerk prägt meine heutigen Arbeiten, es zieht mich an.

Autor

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Manuel Lienhard, geboren 1980, leistete im Sommer 2004 mehrere Monate Einsatz im Freilichtmuseum Ballenberg. Er arbeitet als Schreiner.

Letzte Änderung 12.09.2016

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