Newsletter zum Jubiläum: 30 Jahre Zivildienst
Grusswort des Bundespräsidenten Guy Parmelin
Der Vollzug des Zivildienstes ist kein Selbstläufer. Mein Dank gilt den über 4'200 Einsatzbetrieben in der Schweiz, den Kursanbietern im Ausbildungszentrum Schwarzsee sowie allen Mitarbeitenden des Bundesamts für Zivildienst. Sie alle leisten einen wesentlichen Beitrag und machen den zivilen Ersatzdienst erst möglich. Ich nehme auch anerkennend zur Kenntnis, dass 98 Prozent der Zivildienstpflichtigen bei ihrer Entlassung alle Diensttage tatsächlich geleistet haben.
Die Diskussionen über den Militärdienst, den zivilen Ersatzdienst und die langfristige Ausgestaltung des Dienstpflichtsystems werden derzeit nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen europäischen Staaten geführt. Deshalb blicken wir in diesem Jubiläums-Newsletter über die Grenze: In Deutschland ist die Wiedereinführung der Wehrpflicht und demzufolge auch des Zivildienstes ein Thema. In Österreich wird über eine Verlängerung des Zivildienstes von neun auf elf Monate debattiert und in Finnland wird darüber diskutiert, wie der zivile Ersatzdienst stärker in die nationale Krisenvorsorge eingebunden werden kann.
Unbestritten ist in allen Ländern, dass es beim obligatorischen Militärdienst eine Lösung für Personen mit einem Gewissenskonflikt braucht. Genau dafür wurde in der Schweiz vor 30 Jahren der Zivildienst geschaffen.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre dieses Jubiläumsnewsletters.
Guy Parmelin
Bundespräsident und Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF)
Christoph Hartmann, Direktor des Bundesamtes für Zivildienst zu drei Jahrzehnten Zivildienst
Der Direktor des Bundesamtes für Zivildienst ZIVI blickt auf die Entwicklung des Zivildienstes zurück und ordnet aktuelle Herausforderungen ein.
Zivildienst im europäischen Vergleich
Die Schweiz, Österreich und Finnland kennen einen zivilen Ersatzdienst für Personen, die aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten können. In der Schweiz dauert der Zivildienst 1,5-mal länger als der Militärdienst, in Österreich mindestens neun Monate und in Finnland 347 Tage. In Österreich ist eine Zivildienstserviceagentur für den Vollzug zuständig. Diese ist der Bundesministerin für Europa, Integration und Familie unterstellt. In Finnland ist das Non-Military Service Centre (auf Englisch), eine Einheit des staatlichen KEHA-Zentrums (auf Finnisch), für den Zivildienst verantwortlich.
In Deutschland ist die Wehrpflicht seit 2011 ausgesetzt. Damit entfiel auch der Zivildienst. Vor der Aussetzung der Wehrpflicht leisteten jährlich über 80 000 Zivildienstpflichtige ihren Einsatz. Angesichts der veränderten sicherheitspolitischen Lage wird aktuell wieder intensiv über den Wehrdienst, die Dienstpflicht und einen möglichen Zivildienst diskutiert.
Hier die Übersicht über den Zivildienst in der Schweiz, in Österreich und in Finnland:
Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Vollzug
Die Schweiz arbeitet eng mit privatrechtlich und öffentlich organisierten Einsatzbetrieben zusammen. Zivi und Einsatzbetrieb vereinbaren den Einsatz, während das Bundesamt für Zivildienst die Vereinbarung prüft und das verbindliche Aufgebot erlässt. Dieses Dreiecksverhältnis zwischen Zivi, Einsatzbetrieb und Bund ist ein prägendes Element des Schweizer Systems. Finnland und Österreich funktionieren ähnlich: In Finnland suchen die Dienstleistenden ihren Einsatzplatz grundsätzlich selbst; die Zuweisung erfolgt über das Non-Military Service Centre.
Der Leiter des finnischen Zivildienstes, Mikko Reijonen erklärt im folgenden Video den Prozess vom Gesuch bis zur Zulassung und dem Einsatz:
In Österreich können Zivildienstpflichtige einen Zuweisungswunsch angeben und sich bei einer Einrichtung bewerben. Ein Anspruch auf die gewünschte Zuweisung besteht jedoch nicht.
Im Gegensatz zur Schweiz (50,4 % im Sozialwesen) leisten Zivildiener in Österreich die meisten Einsätze im Rettungswesen (39 %).
Unterschiedliche Herausforderungen
Die Herausforderungen in den vier Ländern sind unterschiedlich: Während in der Schweiz politisch die Begrenzung der Zivildienstzulassungen mit der Umsetzung der sechs Massnahmen (Abstimmung Juni 2026), den zugewiesenen Einsätzen von Zivis in unterbesetzten Zivilschutzorganisationen (ab Januar 2027) und den zusätzlichen Verordnungsänderungen (ab Januar 2027) im Vordergrund steht, betont Österreich die Bedeutung des Zivildienstes als «tragende Säule» des Gesundheits- und Sozialsystems, welche vergrössert werden soll.
«Die grösste Herausforderung ist die demografische Entwicklung»
Der Zivildienst ist eine tragende Säule des österreichischen Gesundheits- und Sozialsystems und unverzichtbar für unsere zivile Landesverteidigung. Deshalb war immer klar: Wenn der Grundwehrdienst verlängert wird, müssen wir auch den Zivildienst weiterentwickeln. Die Bundesregierung hat sich im Sommer darauf verständigt im Zuge einer Wehr- und Zivildienstreform, den Zivildienst ab 1. Jänner 2027 freiwillig um zwei Monate zu verlängern. Diese kann im Einvernehmen mit der jeweiligen Einrichtung geleistet werden. Ab 2028 greift zusätzlich die sogenannte Wehrdienst-Garantie: Unterschreitet die Zahl der Grundwehrdiener eine festgelegte Schwelle, wird der Zivildienst ab dem darauffolgenden Jahr verpflichtend von neun auf elf Monate verlängert. Entscheidend ist für mich aber: Eine längere Dienstdauer muss auch einen Mehrwert für den Zivildiener selbst bringen. Deshalb setzen wir auf bessere Ausbildung und zusätzliche Qualifikationen, die auch danach am Arbeitsmarkt etwas wert sind.
Gibt es genug Einsatzplätze, wenn die Dauer des Zivildienstes verlängert wird?
Ja. Unsere Herausforderung ist nicht, genügend Einsatzplätze zu finden, sondern genügend Zivildiener für die vorhandenen Plätze. 2025 haben die Einrichtungen österreichweit einen Bedarf von 16 591 Zivildienern gemeldet, tatsächlich zugewiesen werden konnten 14 884. Die Bedarfsdeckung lag damit bei 89,7 Prozent. Es gibt rund 1 500 anerkannte Zivildiensteinrichtungen mit rund 3 000 Einsatzstellen in ganz Österreich. Gerade im Rettungswesen, in der Sozial- und Behindertenhilfe, in der Altenbetreuung und in Krankenanstalten ist der Bedarf gross. Die Einrichtungen brauchen die helfenden Hände. Die Verlängerung wird deshalb nicht dazu führen, dass Zivildiener ohne Aufgabe dastehen.
Welche Herausforderungen sind für den Zivildienst in Österreich aktuell am grössten?
Die grösste Herausforderung ist die demografische Entwicklung: Steigende Nachfrage trifft auf sinkendes Angebot. In den Geburtsjahrgängen der heutigen Zivildiener wurden noch rund 34 000 Burschen geboren, zuletzt waren es nur noch rund 30 000. Gleichzeitig steigt durch die alternde Bevölkerung der Bedarf im Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich. Wenn wir nicht gegensteuern, könnten uns ab 2040 jährlich rund 4 000 Zivildiener fehlen. Deshalb müssen wir den Zivildienst langfristig attraktiver und zukunftsfit machen. Das stärkt zugleich den Sozial- und Gesundheitsbereich, denn der Zivildienst ist ein wichtiger Headhunter für diese Bereiche und viele Zivildiener bleiben ihren Einrichtungen auch danach ehrenamtlich oder hauptberuflich verbunden.
Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach die unsichere geopolitische Situation auf die Zivildienstzahlen?
Wir sehen aktuell ein sehr starkes Interesse am Zivildienst. 2025 haben 15 825 junge Männer eine Zivildiensterklärung abgegeben, um 4,8 Prozent mehr als im Jahr davor. Auch 2026 setzt sich diese Entwicklung fort. Ob und welchen Einfluss die geopolitische Lage darauf hat, lässt sich aktuell nicht seriös sagen. Deshalb wird nach Inkrafttreten der Wehr- und Zivildienstreform wissenschaftlich untersucht, aus welchen Gründen sich junge Männer für Grundwehr- oder Zivildienst entscheiden. Klar ist für mich aber: In einer unsichereren Welt brauchen wir beides – ein starkes Bundesheer und einen starken Zivildienst. Beide leisten ihren Beitrag zur Sicherheit und Resilienz Österreichs.
Auch in Finnland steht der Zivildienst vor wichtigen Herausforderungen. Diskutiert wird insbesondere, wie der zivile Ersatzdienst noch stärker in die nationale Krisenvorsorge und die Bewältigung gesellschaftlicher Notlagen eingebunden werden kann. Dies zeigt, dass auch Finnland nach Antworten sucht, wie individuelle Gewissenskonflikte und gesellschaftliche Sicherheitsbedürfnisse dauerhaft miteinander vereinbart werden können.
In Deutschland gibt es seit der Aussetzung der Wehrpflicht keinen Zivildienst mehr. Nach Abschaffung des Zivildienstes wurde der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt. Heute engagieren sich im Bundesfreiwilligendienst rund 35 000 Freiwillige pro Jahr unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Die Einsatzbereiche reichen von Pflegeheimen, Spitälern und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen über Schulen und Umweltorganisationen bis hin zu Kulturinstitutionen und dem Bevölkerungsschutz.
«Eine Gesellschaft ist stark, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen»
Der entscheidende Unterschied ist: Der Bundesfreiwilligendienst ist freiwillig, der frühere Zivildienst war ein verpflichtender Ersatzdienst für den Pflicht-Wehrdienst.
Die Freiwilligendienste von Bund und Ländern sind also kein Ersatz für einen Pflichtdienst, sondern ein freiwilliges Engagement für unsere Gesellschaft. Da geht es eben darum, dass sich Menschen freiwillig einbringen.
Auch bei den Tätigkeiten gibt es Unterschiede. Der Bundesfreiwilligendienst ist heute breiter aufgestellt und reicht vom sozialen Bereich über Kultur, Umwelt und Sport bis hin zum Bevölkerungsschutz.
Inwiefern konnten die Freiwilligendienste die Leistungen des früheren Zivildienstes ersetzen? Und wo spürt man den Wegfall bis heute?
Seit 2011 gibt es keinen Zivildienst mehr – und unsere Einrichtungen haben sich darauf eingestellt. Seitdem leisten die Freiwilligendienste in den Einrichtungen einen wichtigen Beitrag. Sie können reguläre Beschäftigung natürlich nicht ersetzen, sie bilden aber ein Herzstück vieler Einrichtungen, die dafür sehr dankbar sind. Die Zahlen sprechen für sich: Jährlich haben wir rund 90 000 Menschen in den Freiwilligendiensten, weit überwiegend junge Menschen, aber im Bundesfreiwilligendienst auch viele Ältere, die unserer Gesellschaft ein Jahr ihrer Engagementzeit schenken.
Und weil wir darin einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft und Demokratie sehen, wollen wir das auch stärken. Wir haben daher die Mittel für die Freiwilligendienste deutlich erhöht. Wir schaffen damit rund 3 400 zusätzliche Plätze im Bundesfreiwilligendienst und knapp 14 000 weitere Plätze in den Jugendfreiwilligendiensten.
Angesichts der Diskussion über Wehrpflicht und Dienstpflicht: Wird auch ein ziviler Ersatzdienst geprüft, falls die Wehrpflicht wieder aktiviert werden sollte?
Lassen Sie mich einmal klarstellen: Solange die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland nicht reaktiviert ist, gibt es auch keine Zivildienstpflicht. So lange sind alle Angebote freiwillig.
Aber angesichts der veränderten Sicherheitslage wäre es fahrlässig, sich nicht vorsorglich mit den organisatorischen und rechtlichen Fragen eines möglichen Ersatzdienstes zu beschäftigen. Wir tun das um vorbereitet zu sein, aber natürlich ohne einer politischen Entscheidung vorzugreifen. Da geht es auch vor allem darum, eine einheitliche Bürokratie vorzuhalten und nicht eine neue aufzubauen. Das ist meines Erachtens auch unsere Pflicht im Sinne einer modernen und schlanken Verwaltung.
Gibt es bereits Überlegungen, wie ein möglicher neuer Zivildienst ausgestaltet werden könnte?
Wir stehen im sehr konstruktiven Austausch mit den Verbänden, die in Deutschland viele Einsatzmöglichkeiten bieten. Wir wollen aus den Erfahrungen des früheren Zivildienstes und der derzeitigen Freiwilligendienste lernen und vorausschauend dafür Sorge tragen, gute Lösungen anzubieten.
Welche Rolle würde der Bundesfreiwilligendienst in einem solchen Szenario spielen? Würde er bestehen bleiben oder in ein neues System integriert?
Es bleibt dabei, dass es in unserem Land immer die Möglichkeit geben soll, sich freiwillig einzubringen. Der Bundesfreiwilligendienst bleibt daher in jedem Fall ein eigenständiger und wichtiger Pfeiler freiwilligen Engagements.
Ein möglicher Zivildienst wäre verpflichtend. Daher nochmals zur Klarstellung: die Freiwilligendienste sind eben nicht dasselbe und sie sollten auch nicht gleichgesetzt werden.
Unser Ziel ist ein Gesamtkonzept, das freiwilliges Engagement stärkt und zugleich für den Fall vorsorgt, dass sich die sicherheitspolitische Lage weiter verändert.
Was ist dabei Ihr übergeordnetes Ziel?
Wichtig ist mir zum einen, freiwilliges Engagement zu stärken und zu unterstützen. Freiwilligendienste sind weit mehr als ein sozialpolitisches Instrument. Sie stiften Sinn, vermitteln Kompetenzen und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade in Zeiten von multiplen Krisen, Extremwetter und hybriden Bedrohungen zeigt sich: Unsere Gesellschaft ist dann besonders stark, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.
Daneben müssen Angebote gemeinsam gedacht werden – vor allem in der Umsetzung. Es bringt nichts, mehrere Angebote in diesem Land nebeneinander her zu denken und für jedes Angebot eine eigene aufwendige Struktur aufrecht zu erhalten. Ein moderner Staat braucht moderne und schlanke Strukturen.
Die Entwicklungen in Deutschland, Österreich und Finnland zeigen, dass die Debatte längst nicht mehr nur den Zivildienst betrifft. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, wie Dienstpflichtsysteme in einer zunehmend unsicheren Welt ausgestaltet werden sollen und welchen Beitrag zivile Dienste dabei leisten können und sollen.
Die Entwicklung der Tätigkeitsbereiche in den letzten 30 Jahren
30 Jahre Zivildienst in der Schweiz bedeuten auch 30 Jahre Entwicklung. Entdecken Sie in der animierten Grafik, wie sich die Tätigkeitsbereiche seit den Anfängen des Zivildienstes entwickelt haben.

Der Zivildienst aus verschiedenen Perspektiven
Rückblick in Bildern




