Junge Zivis im Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigung

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Im Freizeitatelier in Bellinzona hilft Lorenzo einem Mädchen beim Zeichnen

Dekorierte Gänge, in leuchtenden Farben gestrichene Türen und eine familiäre Atmosphäre, die einen an Zuhause erinnert: Das ist die Stiftung «Madonna di Re», eine privatrechtliche Institution, die im Tessin nun schon seit 50 Jahren für Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen da ist. Die Stiftung, die eine öffentliche Dienstleistung erbringt, wird in diesem Rahmen vom Kanton Tessin finanziert. Sie besteht aus geschützten Wohneinheiten und Tageszentren in Bellinzona, Claro und Piotta und beschäftigt rund 150 Mitarbeitende.

Zivildienst als Mehrwert

Zur Unterstützung des Fachpersonals werden jährlich rund zehn junge Zivis in den Bereichen Administration, Unterhalt, Küche, Betreuung oder als Allrounder eingesetzt. Der Leiter des Instituts, Davide Pedrotti, begründet seine Entscheidung, Zivis zu beschäftigen, wie folgt: «Wir sind der Meinung, dass der Zivildienst an sich sehr wertvoll ist und für die jungen Leute eine extrem lehrreiche Erfahrung darstellt, insbesondere für diejenigen, die als Aushilfe oder Allrounder einen sehr engen Kontakt zu den hier betreuten Personen haben.»

Zivis und Betreuungspersonal – eine gute Zusammenarbeit

Pedrotti betrachtet die Zusammenarbeit zwischen den Fachpersonen und den Zivis als Gewinn: «Ich glaube nicht, dass es schon mal Probleme gab bei der Zusammenarbeit zwischen den Zivis und den anderen Mitarbeitenden: Wir erhalten diesbezüglich nur positives Feedback. In seltenen Fällen ist es vorgekommen, dass ein Zivi mal nicht erschienen ist oder nicht motiviert war. In solchen Fällen haben wir stets mit einer grossen Portion Geduld reagiert.»

Generell sind die Zivis also eine gute Unterstützung für das Fachpersonal, auch wenn sie mehr als Ergänzung gedacht sind. Denn dank einer klaren Rollen- und Aufgabenaufteilung entsteht eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen den jungen Männern und den Fachpersonen, sodass der Zivildienst für die individuelle Betreuung dieser Menschen mit Beeinträchtigung einen Mehrwert bringt. «Die Fachperson ist ganz klar für die pädagogische Betreuung verantwortlich. Die Zivis können hingegen freier und spontaner auf die betreuten Personen zugehen. Letztere entwickeln teilweise ganz andere Beziehungen zu den Zivis als zu den Fachpersonen», führt Pedrotti aus. «Natürlich nutzen wir die Zivis nicht einfach als Arbeitskräfte aus, aber ihre Unverbrauchtheit geht oft mit grosser Motivation einher und das betrachten wir als Mehrwert.»

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Der Leiter der Stiftung «Madonna di Re», Davide Pedrotti (links), und der Zivi Lorenzo (rechts)

Der ideale Zivi: ein offenes Ohr, Einfühlungsvermögen und ein reflektierter Umgang

«Für mich ist es wichtig, dass Personen, die bei uns einen Einsatz leisten möchten, sich bewusst sind, was sie bei uns genau erwartet. Aus diesem Grund organisieren wir jeweils ein Kennenlerntreffen, bevor jemand seinen Einsatz bei uns beginnt», erklärt der Leiter.

Der Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung erfordert von den Zivis eine gewisse Anpassungsfähigkeit an diese für die meisten fremde Realität. «Im Kontakt mit den hier betreuten Personen müssen die Zivis gut zuhören können sowie gute Kommunikationsfähigkeiten und viel Einfühlungsvermögen besitzen. Treten sie allzu abrupt in das Leben dieser Menschen oder knüpfen sie zu enge Beziehungen, kann dies unsere Betreuten destabilisieren», sagt Pedrotti.

Ein sehr vielseitiger Zivildiensteinsatz

Lorenzo scheint dem Profil des idealen Zivis zu entsprechen: Er ist erst seit kurzer Zeit in der Stiftung «Madonna di Re» und arbeitet sowohl als Aushilfe als auch als Hilfsabwart.

«Am Vormittag bin ich jeweils mit den Behinderten im Atelier. Ich beginne um 8.15 Uhr und diskutiere mit den Kolleginnen und Kollegen, während wir auf die ersten von uns betreuten Personen warten. Sobald sie eintreffen, lese ich mit ihnen die Zeitung, mache Kreuzworträtsel oder wir basteln Dekorationen. Letzte Woche haben wir mit Ton gearbeitet, heute machen wir Tischdekorationen für ein Kastanienessen. Um 12 Uhr essen wir alle gemeinsam und ab 13.30 Uhr bin ich unten beim Hausdienst und helfe bei Reparaturen», erzählt Lorenzo. «Es wurde mir von Anfang an klar gesagt, welche Aufgaben ich hier übernehmen darf und welche nicht. Ich würde gerne mehr machen, aber darf es richtigerweise nicht, da ich keine Ausbildung in diesem Bereich habe. Ich bin gelernter Koch und Konditor.»

Individuelle Betreuung

An Kreativität scheint es in der Stiftung «Madonna di Re» nicht zu fehlen: Aus trockenen Blättern, Ästen und Moos basteln die betreuten Personen mit der Hilfe von Lorenzo und den anderen Fachpersonen schöne Herbstdekorationen.

Der Zivi geht aufmerksam auf die Bedürfnisse der beeinträchtigten Personen ein: «Manche können nicht an allen Freizeitaktivitäten teilnehmen, da sie im Rollstuhl sitzen oder psychisch sehr fragil sind. Unsere Aufgabe besteht auch darin, für jeden etwas Passendes zu finden, was nicht immer einfach ist.»

Einen Teil seiner Kenntnisse über den Umgang mit Beeinträchtigungen hat sich Lorenzo in einer Schulung in Schwarzsee angeeignet: «Die Kurse haben mir für die tägliche Arbeit geholfen, da uns vieles erklärt wurde, was ich noch nicht wusste oder worauf ich bisher nicht genügend geachtet hatte. Am Anfang war ich skeptisch und sah den Nutzen der Kurse nicht, aber jetzt habe ich meine Meinung geändert», gesteht Lorenzo.

Gegenseitiger Austausch, der über die Beeinträchtigung hinausgeht

Die Arbeit in einer Konditorei und die Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung scheinen auf den ersten Blick nichts gemein zu haben. Aber Lorenzo hat doch einen Weg gefunden, seine Fertigkeiten bei Aktivitäten mit den betreuten Personen zu nutzen, so zum Beispiel beim Backen und Verzieren von Torten.

Und trotz der Beeinträchtigung scheint der Austausch für beide Seiten bereichernd: «Die betreuten Personen helfen mir, in meiner Rolle als Aushilfe sicherer zu werden: Sie dürfen nicht einfach tun, was sie wollen, wir müssen gewisse Regeln durchsetzen, damit es für alle stimmt», erklärt der Zivi. «Und wenn ich ihnen bei etwas helfen kann, was sie alleine nicht schaffen, gibt mir das ein gutes Gefühl.»

Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung – viele Einsatzmöglichkeiten für junge Leute

Selbst wenn der Umgang mit Beeinträchtigungen oft Fachkenntnisse voraussetzt, können auch Zivis mit einer Grundausbildung hier arbeiten. Möglich wird das dank der vielfältigen Pflichtenhefte, die mehr oder weniger Kontakt zu den betreuten Personen vorsehen.

Diese Welt verlangt von den Zivis zwar eine gewisse Anpassungsfähigkeit und ein offenes Ohr, doch sie werden dafür auch entschädigt, denn der gegenseitige Austausch ist auf zwischenmenschlicher Ebene sehr bereichernd und bringt sie weiter.

Letzte Änderung 19.12.2019

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Serie: Einsätze in der Betreuung von Menschen

Drei Artikel stellen unterschiedliche Zivi-Einsätze in der Betreuung von Menschen vor: 1. Einsätze mit jungen Menschen, 2. Einsätze mit Menschen mit Beeinträchtigungen und 3. Einsätze mit betagten Menschen. Warum? Rund 80 Prozent aller Zivi-Einsätze finden im Gesundheits-, Sozial- oder Schulwesen statt. Die Pflege und Betreuung von Menschen steht dabei im Vordergrund. Aufgrund gesellschaftlicher Trends ist zu erwarten, dass der Bedarf nach solchen Einsätzen eher zu- als abnimmt. Grund genug, die aktuellen Einsätze und Herausforderungen näher zu beleuchten. Alle drei Artikel berichten über Einsätze im Kanton Tessin. Damit wird unterstrichen, dass der Zivildienst in der ganzen Schweiz und damit auch in allen Sprachregionen der Schweiz geleistet wird.

1. Teil: Zivis im Jugendheim: eine mehr als positive Bilanz

2. Teil: Junge Zivis im Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigung

3. Teil: Junge und ältere Menschen − ein gutes Gespann

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